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Warum moderne Motoren immer dünneres Öl bekommen – und was die Viskosität wirklich bedeutet?

Viele Autobesitzer wundern sich Früher war 5W-40 oder 10W-40 Standard.
Heute steht im Handbuch oft 0W-20, 0W-16 oder sogar 0W-8!!!

Ist das wirklich besser für den Motor – oder eher für Prüfstände und Abgaswerte?

Um das zu verstehen, muss man verstehen, was Viskosität bedeutet und warum sich die Empfehlungen in den letzten Jahren so stark verändert haben.

Was bedeutet die Ölviskosität überhaupt?

Beispiel: 0W-20

  • 0W  steht für Fließverhalten bei Kälte  und 20 steht hier Viskosität bei Betriebstemperatur (ca. 100 °C)

ÖltypVerhalten beim KaltstartSchutz bei hoher Temperatur & Last
0W-20sehr dünn, fließt schnelleher dünner Schmierfilm
5W-30etwas dickerstabilerer Ölfilm
5W-40deutlich dickersehr belastbarer Schmierfilm


Die zweite Zahl ist also entscheidend für den Motorschutz unter Last.

Warum werden moderne Öle immer dünner?

Der Hauptgrund liegt heute vor allem in  Strengeren EU-Emissionsvorschriften, CO₂-Flottengrenzwerten sowie Verbrauchsprüfzyklen (WLTP)

Hersteller müssen extrem niedrige CO₂-Werte erreichen, dabei jeder kleine Reibungsverlust im Motor zählt.

Und hier kommt dünnflüssiges Öl ins Spiel: Dünneres Öl bedeutet weniger innere Reibung. Weniger Reibung führt zu einem geringeren Kraftstoffverbrauch – und ein geringerer Verbrauch verbessert wiederum die CO₂-Bilanz im Prüfzyklus.

Der Unterschied im Alltag ist oft kaum messbar. Auf dem Prüfstand kann er jedoch entscheidend sein, um Grenzwerte einzuhalten.

Kurz gesagt: Dünnes Öl hilft dem Hersteller mehr als dem Motor.

Was bedeutet dünnes Öl für den Motor?

Dünn heißt nicht automatisch schlecht. Moderne Motoren sind tatsächlich darauf ausgelegt:

  • engere Fertigungstoleranzen

  • präzisere Oberflächen

  • optimierte Ölkanäle

  • schnellere Ölversorgung beim Start

Das funktioniert sehr gut unter idealen Bedingungen: regelmäßige Ölwechsel, normale Fahrweise, keine extreme Hitze und keine dauerhafte Vollast. Das sind im Grunde Laborbedingungen – im realen Straßenbetrieb werden diese Voraussetzungen jedoch selten dauerhaft erfüllt.

In der Straßenrealität zeigen dünnflüssige Öle jedoch geringere Reserven, wenn die Bedingungen härter werden. Bei hoher Öltemperatur und starker Belastung wird der Ölfilm dünner, der Metallkontakt nimmt zu, der Verschleiß steigt – und das Öl reagiert insgesamt empfindlicher auf Alterung.

EU-Normen und der Trend zu Low-Viscosity-Ölen

Moderne EU-Abgasnormen wie Euro 6d und die kommende Euro 7 erhöhen den Druck auf die Hersteller zusätzlich: Reibung muss reduziert, die Aufwärmphase verkürzt und der Verbrauch im Prüfzyklus weiter minimiert werden.

Deshalb werden heutige Motoren als Gesamtsystem gezielt auf dünnflüssige Öle hin optimiert. Dazu gehören unter anderem variable Ölpumpen, niedrigere Öldrücke, Start-Stopp-Systeme sowie Abgasnachbehandlungssysteme, die ein schnelles Erreichen der Betriebstemperatur erfordern.

Dünnes Öl ist damit nicht mehr nur eine Frage der Schmierung, sondern ein fester Bestandteil der Emissionsstrategie moderner Fahrzeuge.

Motoren bleiben nicht immer neu

Ein Aspekt, der in offiziellen Empfehlungen nur selten thematisiert wird: Motoren unterliegen Verschleiß.

Mit zunehmender Laufleistung verändern sich die inneren Bedingungen: Lagerspiele vergrößern sich, der Blow-by — also das Entweichen von Verbrennungsgasen an den Kolbenringen vorbei ins Kurbelgehäuse — nimmt zu, der Ölverbrauch steigt und der reale Öldruck im warmen Betriebszustand kann sinken.

Ein Motor, der im Neuzustand optimal mit einem 0W-20-Öl betrieben wurde, kann nach 120.000 bis 150.000 Kilometern durchaus besser mit einem etwas höherviskosen Öl zurechtkommen.

Nicht, weil die ursprüngliche Konstruktion falsch war — sondern weil sich die mechanischen Rahmenbedingungen im Motor über die Zeit verändert haben.

Wann dünnes Öl sinnvoll ist

Ein sehr niedrigviskoses Öl wie 0W-20 oder niedriger passt gut, wenn:

✔ viel Kurzstrecke
✔ gemäßigtes Klima
✔ ruhige Fahrweise
✔ Motor noch relativ neu
✔ Ölwechsel strikt eingehalten werden

Hier spielen die Vorteile beim Kaltstart und bei der schnellen Durchölung eine echte Rolle.

Wann etwas mehr Viskosität sinnvoll sein kann

Ein Öl wie 5W-30 oder eine höhere Viskositätsklasse (selbstverständlich innerhalb der Herstellerspezifikation) kann unter bestimmten Einsatzbedingungen Vorteile bieten, zum Beispiel bei:

  • viel Autobahnfahrt mit hoher Geschwindigkeit

  • bergigen Strecken und dauerhaft hoher Last

  • häufigem Anhängerbetrieb

  • sehr heißem Klima

  • höherer Laufleistung

  • steigendem Ölverbrauch

Der Unterschied im Kraftstoffverbrauch liegt dabei meist nur im Bereich kaum messbarer Prozentwerte und steht in keinem Verhältnis zu möglichen Kosten einer Motorreparatur. Der Unterschied in der thermischen Belastbarkeit und Stabilität des Ölfilms kann dagegen durchaus relevant sein.

Nicht nur die Zahl zählt – sondern die Freigabe

Entscheidend ist nicht allein die Frage 0W-20 oder 5W-30, sondern vor allem die passende Herstellerspezifikation und Ölqualität.

Dazu gehören unter anderem:

  • ACEA-Spezifikationen (z. B. C5 oder C3)

  • API-Spezifikationen (z. B. API SP/SQ)

  • Herstellerfreigaben, etwa:

    • BMW Longlife-04

    • MB-Approval 229.31 / 229.51 / 229.52

    • Opel OV040 1547 – D30 / G30

    • Porsche C30

    • Renault RN 0700 / RN 0710

    • VW 504.00 / 507.00

Darüber hinaus spielen Qualitätsmerkmale wie Additivpaket, Oxidationsstabilität und Scherstabilität eine entscheidende Rolle.

Ein hochwertiges 0W-20 mit korrekter Freigabe kann einen Motor besser schützen als ein minderwertiges 5W-30. Umgekehrt kann ein 5W-30 ohne passende Herstellerspezifikation Probleme verursachen — etwa mit Partikelfiltern oder Katalysatoren, wenn die Aschebildung oder Additivchemie nicht zur Abgasnachbehandlung passt.

Das beste Öl ist nicht das dünnste.
Das beste Öl ist das, das zu Motorzustand, Fahrprofil und Temperaturbelastung passt — und die richtige Freigabe hat.

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